11. International Congress of Shoulder and Elbow Surgery

Der erste internationale Kongress der ICSES fand im Jahr 1980 in London statt. Nach weiteren europäischen Gaststädten wie Paris im Jahr 1992 und Helsinki im Jahr 1995 gelang es Stephen Copeland, dem Präsidenten der ICSES, erneut den Kongress nach Europa und diesmal nach Edinburgh zu holen.

Schotten haben - wie wir zu wissen glauben - ein sehrspezielles Selbstverständnis, das sich von dem der anderen Briten unterscheidet: Sie tragen Röcke, spielen Dudelsack; trinken Whisky und vergnügen sich mit seltsamen Freizeitbeschäftigungen. Diese Eigenarten ergänzt ein starkes Selbstbewusstsein mit Tendenzen zur Autonomie. Überraschend war für mich, wie gut die - auch auf dem Kongress - gelebte Folklore zu einer noblen Weltläufigkeit passt. Doch der Reihe nach:

Edinburgh ist mit knapp 500.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Schottlands und seit 1999 Sitz des Schottischen Parlaments. Dieses moderne Gebäude, dessen Architektur ungewohnt ist, liegt gegenüber "Palace of Holyroodhouse", der schottischen Residenz der Königin, in dem jüngst der Papst empfangen wurde. Wahrzeichen Edinburghs ist aber das hoch und zentral über der Stadt gelegene "Edinburgh Castle", zu dem eine Reihe von kleinen, sehr steilen Gassen führen.

Der 11. Kongress der ICSES wurde vom 5. bis 8 September 2010 im "Edinburgh International Conference Centre" (EICC) veranstaltet, einem modernen Gebäude westlich des Zentrums. Das Wetter war angenehm warm und die Stimmung bestens. Prof. Wallace, der Kongresspräsident, füllte als echter Schotte bei der Eröffnungs-Veranstaltung im EICC die bereits angesprochenen Erwartungen mit Leben. Sehr unterhaltsam war der Vortrag von Iain MacIntyre über das chirurgische Erbe Edinburghs mit einer Fülle historischer Details seit der Gründung des "Royal College of Surgeons of Edinburgh" im Jahr 1505.

Japp Willems dankt Frank Gohlke
Japp Willems und Frank Gohlke

Weil der ICSES-Kongress in Europa stattfand, veranstaltete die SECEC kein "Closed Meeting" wie sonst alle drei Jahre. Die Komitees des SECEC tagten am Samstag vor dem ICSES-Kongress. Wie Dr. Jost aus Zürich erklärte, werden die Anträge auf Mitgliedschaft jetzt vollständig elektronisch auf der Website der SECEC abgewickelt. Die große Zahl unvollständiger Anträge ist dennoch ein Problem. Problematisch ist auch die unzureichende Bereitschaft der Europäer, als Reviewer für das "Journal of Shoulder and Elbow Surgery" tätig zu werden. Prof. Gohlke forderte die Reviewer auf, hier mehr Engagement zu zeigen und die Qualität der Reviews zu erhöhen. Dr. Bruguera aus Spanien erläuterte, dass die Zahl der Reisestipendien mit einem neuen Austausch mit Australien/Neuseeland nochmals zugenommen hat. Dieses Jahr wurden mit den Drs. Kasten und Liem zwei Deutsche für die ehrenvolle USA-Reise ausgewählt. Am Abend traf sich die SECEC auf Vermittlung von Roger Emery in der berühmten Nationalgalerie Schottlands zu einer Führung mit anschließendem Fest.

Alle Vorschläge der Komitees wurden auf der Mitgliederversammlung der SECEC am 05.09.10 angenommen. Vier von fünf deutschen Bewerbungen auf Neumitgliedschaft wurden akzeptiert. Neue deutsche Mitglieder in den Komitees der SECEC sind Christine Voigt im Membership Committee, Petra Magosch im Rehabilitation Committee und Markus Scheibel im Website Committee: Als Nachfolger von Prof. Gohlke wurde ich Schatzmeister. Deshalb muss ein neuer Nationaldelegierter für Deutschland gewählt werden.

Festabend der SECEC im Nationalmuseum
Festabend im Nationalmuseum

Die nächsten SECEC-Kongresse werden im Jahr 2011 in Lyon (Gilles Walch) und im Jahr 2012 in Dubrovnik (Nikola Cicak) stattfinden. Der Präsident der SECEC, Pascal Boileau, hat sich in diesen Jahren zwei große Ziele gesteckt: eine verstärkte Integration der Nationalen Schultergesellschaften in die SECEC und ein neues, webbasiertes Journal ("European Archives of the Shoulder and Elbow"), das sich neben kurzen Originalarbeiten und Abstracts vor allem auf neue, interaktive Kommunikationsmittel stützen soll.

Zurück zum ICSES-Kongress 2010: In den morgendlichen insgesamt neun "Instructional Courses" wurden Themen behandelt wie die distale Humerusfraktur, Instabilität und fehlgeschlagene Prothesen am Ellenbogen, Navigation und Glenoidersatz an der Schulter und Pseudarthrosen und Infekte. Klassische Plenarsitzungen beschäftigten sich mit der Schulterinstabilität, der Rotatorenmanschette, Schulter- und Ellenbogenprothetik und Verletzungen am Ellenbogen. Von den eingereichten 1026 Abstracts wurden vom Programmkomitee 189 (18%) als Vortrag und 295 (29%) als E-Poster akzeptiert. Auf dem gleichzeitig stattfindenden 3. ICSET-Kongress ("International Shoulder and Elbow Therapists") wurden 24 der 49 eingereichten Abstracts als Vortrag gehalten.

Jeremy Lewis aus London hielt am zweiten Kongresstag einen ICSET-Vortrag zu dem brisanten Thema, ob dem subacromialen Impingement tatsächlich eine pathoanatomische Läsion zugrunde liegt oder ob dies in Wirklichkeit eine klinische Illusion ist. Nach seiner Ansicht wird die Akromionform als Ursache des extrinsischen Impingements überschätzt, weshalb die Ursache des "subacromialen Schmerzsyndroms" eher in einem intrinsischen Modell der Sehnendegeneration zu suchen ist.

Ein Schwerpunkt des ICSES-Kongresses lag auf der proximalen Humerusfraktur. Der "Codman-Vortrag" von Prof. Resch zu diesem Thema wurde mit stehendem Applaus bedacht. Prof. Mansat organisierte ein Symposium zu der Frage, ob die Humeruskopffraktur Teil einer weltweiten Epidemie ist. Ein weiterer Höhepunkt war der "Kessel-Vortrag" von Steven Burkhart aus Texas über die Überwindung der Grenzen der arthroskopischen Chirurgie an der Schulter. Mit den neuen, biologisch unterstützten Verfahren wird sich die Art des Operierens radikal verändern.

Auf der Preissitzung erhielt Pietro Randelli aus Mailand den Fukuda-Preis für den besten Vortrag mit dem Titel: "Platelet Rich Plasma (PRP) in Arthroscopic Rotator Cuff Repair. A Prospective RCT Study, 2 Years Follow-up". Die Ian-Kelly-Preise für das beste Poster bzw. den besten Vortrag gingen beide nach Japan an Yusuke Iwahori ("Peel Back Phenomenon of the Superior Labrum of the Shoulder is Supposed to be Dynamic Variant") bzw. Takayuki Muraki ("Relationship between Scapular Position and Subacromial Contact Behavior: A Cadaveric Study").

Am Abend des zweiten Kongresstages wurde ein Empfang im "Edinburgh Castle" gegeben, mit spektakulären Ausblicken auf die Stadt. Dem Empfang folgte ein "Célidh", eine durchaus sportliche schottische Tanzveranstaltung mit Dudelsack-Pfeifern und allem Drum und Dran. Der Galaabend war im "Our Dynamic Earth" in der Nähe des "Palace of Holyroodhouse", in dessen Untergeschoss ein Regenwald und die Polarregionen nachempfunden werden konnten.

Alles in allem war es ein hervorragend organisierter Kongress, der mit mehr als 1500 Teilnehmern aus der ganzen Welt alle bisherigen Rekorde brach. Die stärksten nicht-britischen Fraktionen kamen aus Brasilien, Japan und den USA. Die Gastfreundschaft der Schotten wie der Briten war außergewöhnlich und sehr herzlich, sodass alle Teilnehmer wunderbare und denkwürdige Erlebnisse mit nach Hause brachten. Der nächste ICSES-Kongress wird vom 04.-06.12.2013 in Kyoto in Japan stattfinden.


Ernst Wiedemann,
Nationaldelegierter Deutschland