Vincent Pechmann: August 2017 am Klinikum rechts der Isar in München

Ein in Lübeck studierender Hesse absolviert eine Famulatur am Klinikum rechts der Isar in München. Diese Konstellation erscheint auf den ersten Blick eher ungewöhnlich. Jedoch muss man manchmal unkonventionelle Wege gehen, um die Orte zu erreichen, denen das meiste Interesse gilt.

Schon vor dem Beginn meines Studiums war ich vom Tätigkeitsfeld der Unfallchirurgie und Orthopädie fasziniert und da ich aktiver Sportler bin, ist auch die orthopädische Behandlung von Sportverletzungen für mich von besonderem Interesse. Deshalb brauchte es nicht lange, bis ich nach meinem Physikum Mitglied im Jungen Forum der DVSE wurde und mich auf das Reisestipendium der Organisation bewarb. Zu meiner großen Freude entschied sich das Los für mich und ich konnte mit einem guten finanziellen Polster in der Tasche und viel Tatendrang in die bayerische Landeshauptstadt fahren.

Meine Famulatur begann am 21.8. in der Poliklinik der Abteilung für Sportorthopädie. Gerade an diesem Tag fand die Chefarzt- Sprechstunde statt und ich durfte direkt an dieser teilnehmen. Eine ausführliche Anamnese über den Traumamechanismus wurde mir direkt am ersten Tag genauso vermittelt wie die ausführliche Untersuchung. In den darauffolgenden Tagen konnte ich mich weiter gut in das sehr freundliche und aufgeschlossene Team der Assistenzärzte eingliedern und wurde auch von den Oberärzten in die Untersuchung integriert: Nach ausführlicher Erhebung der Anamnese und Voruntersuchung des Patienten durfte ich die erhobenen Fakten dem Oberarzt der Poliklinik vorstellen. So war es mir nicht nur möglich, meine in der Theorie vorhandenen Untersuchungsgriffe in einen routinierten Ablauf umzuwandeln, sondern ich bekam auch ein Gefühl für zügiges und problemorientiertes Arbeiten- ohne Details außer Acht zu lassen.
An dieser Stelle möchte ich mich besonders bei Dr. Felipe Eggers, Dr. Elmar Herbst, Dr. Lukas Willinger, Dr. Markus Wurm, Dr. Andrea Achtnich, Dr. Philipp Forkel, Dr. Andreas Schmitt, Herrn Professor Dr. Imhoff und dem gesamten Team der Poliklinik bedanken, da sie alle für meinen guten Einstieg in der Abteilung verantwortlich sind.

Die erste Woche verging und mein Wissen über sportorthopädische Untersuchungsmethoden war beachtlich gestiegen. Nur was macht man, wenn der Patient operiert werden muss? Es erfolgt ein Prämedikationstermin und der Patient wird  zur OP- Aufklärung mit anschließender Operation einbestellt.
Es geht also von der Poliklinik in die OP- Abteilung. So stand ich in der zweiten Woche jeden Tag entweder direkt mit am Tisch oder durfte bei sehr interessanten Operationen zusehen. Auch hier wurde ich sehr freundlich empfangen und direkt in den Ablauf eingebunden: das Vorbereiten des OP- Tisches, das Lagern des Patienten und das Abwaschen des Operationsgebietes wurden mir von Anfang an beigebracht. Während der Operation wurde immer sehr darauf geachtet, dass ich die aktuelle anatomische Position der Instrumente einordnen, die gemachten Schritte nachverfolgen und auch erklären konnte. Auf genau solche Momente hatte ich gewartet, denn vom alleinigen Zuschauen lernt man bekanntlich eher wenig- besonders was die anatomische Orientierung bei Schulter- und Kniegelenks- Athroskopien angeht.
An dieser Stelle möchte ich mich besonders bei Dr. Jonas Pogorzelski, Theresa Diermeier, Alexander Pieringer, Felix Dyrna, PD Dr. Sepp Braun und PD Dr. Knut Beitzel bedanken. Denn ohne ihre ausführlichen Erklärungen und ihre Geduld hätte ich nicht ansatzweise so viel aus dem OP- Saal mitnehmen können.

Die darauffolgenden Wochen standen bis zu meinem letzten Tag im Zeichen der Stationsarbeit. Ich durchlief quasi einen ähnlichen Werdegang wie ein Patient, dessen Verletzung diagnostiziert, anschließend operiert und auf Station auf die Rehabilitations- Maßnahmen vorbereitet wird- nur auf der ärztlichen Seite.

In den folgenden zweieinhalb Wochen lernte ich, Arztbriefe anzufertigen, Rezepte korrekt auszufüllen und Verbände zu wechseln. Die Arbeit auf Station war weniger körperlich anstrengend als im OP, jedoch forderte sie auf andere Weise Konzentrationsfähigkeit und Kraft: eine gute Organisation und ein gewisses Maß Ruhe sind die grundlegenden Eigenschaften, die zum Einhalten des „Fahrplans“ des jeweiligen Tages beitragen. In dieser Zeit wurde ich besonders von Dr. Lucca Lacheta, Dr. Jonas Pogorzelski und Dr. Alexander Otto angeleitet, denen ich hiermit herzlich danken möchte.

Eine Klinik wie die Abteilung für Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar stellt eine kleine Besonderheit in der deutschen Klinik- Landschaft dar: sie ist losgelöst von der Unfallchirurgie und Orthopädie der Universitätsklinik und behandelt ein Patientenklientel, welches einen hohen körperlichen Anspruch entweder im Beruf oder in der Freizeit hat. Zu diesen Patienten zählen also Profi- und Hobbysportler, allerdings auch Patienten mit komplizierten Verletzungen und Patienten mit persistierenden Beschwerden nach Unfällen.
Besonders beeindruckt war ich von der Haltung gegenüber der aktuellen Forschung und deren Eingliederung in das Behandlungsschema: die neuesten Erkenntnisse werden wöchentlich im Journal- Club besprochen und zusätzlich gibt es ein MRT- Kolloquium, welches fachübergreifend mit der Klinik für Radiologie stattfindet. In diesem werden besonders bemerkenswerte und komplexe Fälle aus der Poliklinik vorgestellt und Diagnosen gemeinsam erarbeitet. Für PJler und FamulantInnen lohnt es sich besonders, an diesen Kolloquien teilzunehmen.
Auf diese Weise konnte ich lernen, dass es in der Orthopädie mehr gibt als die standardisierten TEP- Eingriffe und kann nun einschätzen, wie weitreichend das Spektrum dieser Spezialisierung reicht: von der rein konservativen Schienen- Therapie über die Variante aus einer Kombination von Schiene, physiotherapeutischen Maßnahmen und Operation bis zur schnellen notfallmäßigen Versorgung von Frakturen.
So durfte ich bei einer Implantation einer inversen Schultergelenksprothese assistieren und wurde über Indikationen, Kontraindikationen, Anatomie der Schulter und die OP- Schritte umfassend abgefragt.
Solche komplizierten Eingriffe waren zwar seltener, jedoch hatte ich auch bei den häufigeren Eingriffen, wie Stabilisierungen des Schultergelenks nach Latarjet bei anteriorer- posteriorer Instabilität, Acromioclavicular- Gelenk- Stabilisierungen nach traumatischen AC- Gelenksprengungen und Meniskus- Resektionen, Meniskus- Nähten sowie Kreuzband- und MPFL- Plastiken, die Möglichkeit, mein Wissen zu zeigen und konnte dieses noch erweitern.

Zusammenfassend habe ich die Zeit in München sehr genossen. Abgesehen von einer Stadt, die sehr viel Lebensqualität in allen Bereichen des alltäglichen Lebens bietet, habe ich eine sehr interessante Fachrichtung an einer sehr interessanten Klinik mit einem tollen Team kennengelernt.
Ich kann es nur empfehlen, in der Abteilung für Sportorthopädie eine Famulatur oder ein Tertial des PJs zu absolvieren. Besonders Studenten mit Interesse an Sportmedizin, die schon etwas Erfahrung im Klinikalltag und der Orthopädie/ Unfallchirurgie haben, können ihr Wissen gut einbringen und viele interessante Techniken der Untersuchung und operativen Versorgung kennenlernen.

Abschließend möchte ich ein großes Dankeschön an das gesamte Team der Sportorthopädie der MRI richten und auch an das Junge Forum der DVSE, welches mir diese Erfahrung ermöglicht hat.

Vincent Pechmann
Lübeck