Reisebericht 2015

Münster, Hamburg, Berlin, Heidelberg, Pforzheim, Neustadt, Agatharied, München – von Nord nach Süd in 2 Wochen...

Unser Reisestipendium der Deutschen Gesellschaft für Schulter- und Ellenbogenchirurgie e.V. begann am 1. November 2015 mit der Anreise von Hannover bzw. München nach Münster. Am nächsten Morgen trafen wir Prof. Jörn Steinbeck und sein Team in der Raphaelsklinik Münster GmbH, die uns nach einer kurzen Besprechung des an diesem Tag geplanten OP-Programms, direkt mit an den OP-Tisch nahmen. Das sportlich getaktete Programm in zwei Sälen begann mit einer komplexen Rotatorenmanschettenruptur, die Prof. Steinbeck mit einer 6-Anker-SpeedBridge-Rekonstruktion versorgte. Im Anschluss folgte die gesamte Bandbreite der Endoprothetik vom glenohumeralen Oberflächenersatz über die anatomische bis hin zur inversen Schulterprothese. Als weiteres Highlight der insgesamt neun OPs stand noch ein Coracoidtransfer nach Latarjet auf dem Programm. Abgerundet wurde dieser eindrucksreiche Tag durch ein hervorragendes italienisches Abendessen mit dem Team von Prof. Steinbeck in sehr lustiger und herzlicher Atmosphäre.

Noch am Abend ging es mit der Bahn nach Hamburg, wo uns PD Dr. Andreas Werner am nächsten Morgen freundlicherweise direkt am Hotel abholte und mit in die Facharztklinik Hamburg nahm. Der folgende OP-Tag stand ganz im Zeichen der Rotatorenmanschette. Von der klassischen Supraspinatussehnen-Rekonstruktion bis hin zur komplexen Revisionsmanschette bei „medial row failure“ oder einer biologischen Augmentation der Rekonstruktion mit ortsständigem Bursa-Gewebe gab uns PD Dr. Werner einen tiefen, sehr beeindruckenden Einblick dahingehend, was arthroskopisch alles möglich ist. Nach einem gemütlichen gemeinsamen Abendessen ging es am Abend weiter nach Berlin.

Am nächsten Tag empfing uns Univ.-Prof. Dr. Markus Scheibel in der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Nach der Morgenbesprechung ging es direkt in den OP, wo uns ein bunt gemischtes Programm mit inverser Schulter-TEP, distaler Bizepssehnen-Rekonstruktion, ACG-Rekonstruktion mit einer Plastik der coracoclaviculären Bänder und eine arthroskopische Arthrolyse bei Therapie-refraktärer Schultersteife erwartete. Zudem hatten wir die Möglichkeit, die Forschungseinrichtungen des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie der Charité, das Julius Wolff Institut für Biomechanik und muskuloskeletale Regeneration, zu besichtigen. Im Anschluss nahm sich Prof. Scheibel viel Zeit einige interessante Fallszenarien zu besprechen und zu diskutieren. Zudem lud er uns auf den „International Shoulder Course“ im April 2016 nach Berlin ein. Als Mitherausgeber des Buches „Die proximale Humerusfraktur“ bekam jeder von uns ein Exemplar geschenkt. Am Abend hatten wir noch die Möglichkeit, in der Privatpraxis von Prof. Scheibel der Veranstaltung „Update Schulterchirurgie“ beizuwohnen, bevor der Nord-Süd-Transfer nach Heidelberg auf dem Programm stand. Nach dem Flug nach Frankfurt machte uns dann die Bahn leider einen Strich durch die Rechnung, so dass wir nachts einige Stunden am Franktfurter Flughafen verharren mussten und somit erst mit deutlicher Verspätung in Heidelberg eintrafen.

In der ATOS-Klinik angekommen durften wir zuerst Dr. Sven Lichtenberg bei einer arthroskopischen ACG-Rekonstruktion und später in der Sprechstunde begleiten, bevor auch zusammen mit Prof. Dr. Markus Löw am Nachmittag ein kleines Forschungssymposium unter reger Diskussion für uns organisiert wurde. Abends hatten wir die Möglichkeit beim gemeinsamen Abendessen im „Cube“ die bereits nachmittags begonnenen Diskussionen fortzuführen.

Den nächsten Tag verbrachten wir getrennt in der ATOS-Klinik bei Dr. Lichtenberg bzw. in der bei Prof. Dr. Löw. Bei Dr. Lichtenberg standen zwei inverse Schulter-TEPs bei Traumafolgen auf dem Programm sowie zwei arthroskopische Rotatorenmanschettenrupturen, eine davon eine postero-superiore Massenruptur, welche ein extensives Release zur Mobilisation und anschließenden Refixation erforderlich machte. Mit Prof. Dr. Loew ging es mittels Sportwagen nach Grünstadt. Nach arthroskopischer Versorgung einer Massenruptur folgten zwei anatomische Kurzschaftprothesen sowie eine inverse Schulterprothese. Zum Abschluss des Woche ließen wird den spannenden Freitag in einem urigen-traditionellen Weinlokal an der Weinstraße ausklingen.

Das Wochenende haben wir bei unseren Familien verbracht, ehe wir am Sonntag nach Pforzheim anreisten. Wir begannen die zweite Woche abends gemeinsam mit Dr. Boris Hollinger beim gemütlichen Essen und Erfahrungsaustausch, ehe der Folgetag dann ganz im Zeichen des Ellenbogengelenks stand. Im schnellen Wechsel im Doppelsaal konnten wir uns an insgesamt acht Eingriffen beteiligen. Besonders viel Wert legte Dr. Hollinger bei seinen Erläuterungen auf die korrekte Durchführung der Instabilitätsdiagnostik am Ellenbogen als Entscheidungsgrundlage für eine LUCL-Plastik. Weiteres Highlight war eine mediale Bandplastik mit Gracilissehne sowie eine arthroskopische Arthrolyse bei ankylosierender primärer Cubitalarthrose. Durch ein ausgedehntes Resurfacing, Abtragen der osteophytären Anbauten sowie eine ausgedehnte Arthrolyse konnte hierbei intraoperativ wieder ein freies Bewegungsausmaß bei wiederhergestellter Anatomie erreicht werden.

Am späten Nachmittag erfolgte der Transfer nach Würzburg, ehe wir am Abend mit Prof. Dr. Frank Gohlke verstärkt durch Dr. Dorota und PD Dr. Dirk Böhm in der „Alten Mainmühle“ hervorragende fränkische Kost sowie lokale Weine probieren durften. Abgerundet wurde der Abend durch eine Führung durch den historischen Stadtkern, ehe wir am nächsten Morgen gemeinsam mit Prof. Dr. Gohlke nach Bad Neustadt an der Saale fuhren. Nach einer Visite mit dem Team der Klinik ging es im OP weiter: Prof. Dr. Gohlke demonstrierte eine Bio-RSA bei einem ausgeschliffenen Typ C Glenoid, ebenso wie eine erfolgreiche Konversion einer dekompensierten anatomischen Frakturprothese bei einem Plattform-System zu einer inversen Prothese. Später diskutieren wir mit ihm einige spannende Fälle aus seinem reichen Fundus an aufwändig zu behandelnden Schulter- und Ellenbogenfällen, ehe wir nach einer Kaffee-Pause im Hause Gohlke weiter in das Münchner Voralpenland reisten.

Am 8. Tag waren wir zu Gast bei Prof. Dr. Ulrich Brunner im wunderschön gelegenen Krankenhaus Agatharied. Neben einer arthroskopischen Rotatorenmanschetten- rekonstruktion in SpeedBridge-Technik mit 4 Ankern sowie einem Revisionseingriff bei einer intratendinösen Teilruptur des bursaseitigen SSP-Blattes implantierte Prof. Dr. Brunner eine Bio-RSA bei einem erosiv stark ausgeschliffenem A2-Glenoid. Am Folgetag hospitierten wir bei Prof. Dr. Ernst Wiedemann und seinem Kollegen Dr. Claudius Zeiler, auf die wir uns aufteilten und entsprechend in die OPs begleiteten. Zusätzlich zu der eindrücklichen Demonstration des gesamten Spektrums der arthroskopischen Schulterchirurgie war hier vor allem die offene Verschraubung eines symptomatischen Os acromiale ein in Erinnerung bleibender Eingriff. Abends traf man sich dann zum Abschluss in geselliger Runde in einem exzellenten italienischen Restaurant. Neben dem OCM-Team wurde die Runde durch Prof. Dr. Brunner ergänzt. Die reichhaltigen Eindrücke der letzten Tage wurden diskutiert und berufspolitische Themen erläutert.

Vor der geplanten Teilnahme am 3. ATOS-Ellenbogenkurs ergab sich vormittags kurzfristig die Möglichkeit, bei Prof. Dr. Habermeyer sowie dem Münchner ATOS-Team zu hospitieren und ihn bei zwei Operationen zu begleiten. Nachmittags folgte dann die Teilnahme am Theorieteil des Ellenbogenkurses. Am Folgetag wurde das Gehörte dann im Workshop im Münchner ArthroLab in die Praxis umgesetzt (Schwerpunkt: Ellenbogenarthroskopie, mediale Bandplastik und LUCL-Plastik).

Insgesamt haben wir während der zwei Wochen des DVSE-Reisestipendiums 2015 über 3500 km zurückgelegt und über 40 Schulter- und Ellenbogenoperationen auf technisch höchstem Niveau verfolgt. Wir möchten uns ausdrücklich bei allen Gastgebern für die intensive und freundliche Betreuung sowie das Demonstrieren und Teilen ihrer Expertise bedanken. Die Diskussionen sowie die gezeigten Tipps und Trick werden sich nachhaltig auf unseren chirurgischen Alltag auswirken. Insbesondere gilt unser Dank Andreas Werner für die Zusammenstellung und Organisation der Reise. Wir können die Teilnahme an diesem Stipendium uneingeschränkt empfehlen und danken der DVSE, dass wir hierfür ausgewählt wurden.


Gunnar Jensen und Gernot Seppel